
Eine Tour durch das Innere des „reichen Bergs“ an dessen Fuß die Stadt Potosí liegt, welche zum Großteil vom Bergbau lebt.
Nachdem ich ja schon 1 1/2 Monate hier in der Bergbau-Stadt Potosí lebe haben wir nun entschieden uns die Arbeit, die Umstände und auch ein bisschen die Hintergründe am sowie im Berg genauer anzusehen. Gemeinsam mit Teresa – die uns an diesem Wochenende besuchte – ging es also am Samstag dem 6. November auf den Cerro Rico( =“reicher Berg“) und in eine seiner über 500 Mineneingänge.
Bevor ich von meinen Erlebnissen und Wahrnehmungen dieser Tour berichte, möchte ich euch ein bisschen über Potosí, den Cerro Rico und deren Geschichte erzähle, damit ihr euch auch etwas rund um den Bericht vorstellen könnt…
Wobei ich die Informationen Großteils von unterschiedlichen Erzählungen verschiedenster Menschen – sowohl der Guides als auch anderen Bekannten und Freunden – habe ; )
Geschichte von Potosí
Potosí war eigentlich mal die reichst Stadt der Welt, was sie den Mineralvorkommen des Cerro Ricos verdankte. Doch als die Spaniern mit ihren Kolonien in Bolivien ankamen, fanden sie recht bald die mineralreichen Berge des Altiplanos (=Hochlands). Darunter – mit einem sehr hohen Silbervorkommen – der „Cerro Rico“. Sie begannen die indigene Bevölkerung – die Quechua – zum Bergbau zu zwingen – wodurch die Minen des Cerro Ricos heute zu den Ältesten der Welt zählen. Sie mussten ganze Tage lang durcharbeiten und bekamen selbst nicht von dem Reichtum ab, das Spanien dadurch erhielt. Auf Grund des Bergbaus und um die Arbeiter Vorort unterzubringen, errichteten die Spanier am Fuße dieses „reichen Berges“ eine prunkvolle Stadt – Potosí.
Doch auf 4.000m Höhe gab es so gut wie keine Vegetation und somit auch wenig Landwirdschaft. Daher wurden weitere Städte in den fruchtbareren Tälern Bolivien gegründet, wie Sucre und Cochabamba, um die Mineros (=Minenarbeiter) mit frischen Lebensmittel zu versorgen. Außerdem mussten die ganzen abgebauten Mineralien in die Welt vertrieben werden. Um den Markt und die Transportrouten zu betreiben, gründete man Städte wie Oruro und La Paz und schlussendlich wurden die Mineralien von Lima in die Welt verschifft. Also geht fast die gesamte Infrastruktur von Bolivien auf Potosí und den dortigen Mineral-/Silberabbau zurück.
Wie schon erwähn, mussten die Inigen@s (=Indigenen) Schwerstarbeit in den Minen leisten – unter schlimmsten Bedingungen und fast ohne Pausen.
Das wollten sie sich zunächst nicht gefallen lassen, doch die Spanier spielten ein schlaues Spiel. Sie erfanden einen Dämon/Gott der Unterwelt/ der Minen und erbauten grässliche Statuen, die die Arbeiter*innen erschreckten sollten. Sie erzählten ihnen, dass er „Dios“(=Gott) sei und sie nur verschont und mit viel Funden beschenkt, wenn sie fleißig arbeiteten und sich nicht auflehnten. Doch da es in der indigenen Sprache Quechua, Dios nicht gab und die Menschen es nicht aussprechen konnten wurde der Gott der Unterwelt – der Teufel (=Diavolo) zum „Tio“. Dessen Abbild kann heute noch in jeder Mine gefunden werden und die Mineros fürchten ihn nach wie vor sowie opfern ihm vor dem Beginn der Arbeit Coca, puren Alkohol und Zigaretten – das mag der Tio. So können sie mit weniger Angst in der Mine arbeiten. Außerdem hat sich der Glaube in den Tio soweit entwickelt, dass keine Frauen IN der Mine arbeiten dürfen und Opfer vom Lama bis zu Menschen dargebracht werden.
Die Menschen glauben auch an eine Verbindung von Pachamama (=Mutter Erde) und Tio, denn Mutter Erde „herrscht“ ja über die Bodenschätze, weshalb auch Pachamama im selben Ritual um Unterschützung gebeten wird. Sie gegen hier davon aus, dass wenn Pachamama und Tio im Einklng sind, sie mehr Plata (=Silver) – so zu sagen das Kind von Tio und Pachamama. – finden… (irgendwo macht das ja Sinn… aber naja)
Heutzutage ist das Reichtum des Berges schon so gut wie verschwunden, doch die Einwohner*innen Potosí arbeiten immer noch hart daran, Mineralien (heute ist es eher mehr Zinn und noch irgendwas anderes) in dem „SchweizerKäse – Berg“ (so wird der heutige Cerro Rico auch genannt, da er schon so durchlöchert ist) ausfündig zu machen – Männer mit Dynamit und Presslufthammer in den Mienen, Frauen vor den Eingängen brauchbares aus den Steinhaufen suchend oder die Eingänge bewachend. Alle sind hoher Gefahr ausgesetzt und arbeiten ohne wirklicher Schutzausrüstung. Es gibt eigentlich keine Firma die die Minen betreibt, sondern nur Coperativas mineras (=Minenkooperativen/Gewerkschaften), die die abgebauten Mineralien dann an Firmen weiterverkauft… daher ist jeder Minero auch für seine eigene Ausrüstung und sein Werkzeug zuständig. Zu dieser Ausrüstug zählt meist ein Helm mit Lampe, feste Schuhe/Gummisriefel und wenn vielleict noch eine Schutzhose… Was aber niemals fehlen darf ist das Coca, die Zigaretten mit purem Tabak und alcohl puro – und dass nicht nur um es dem Tio zu opfern sondern um die 4h Arbeit am Stück zu überstehen.
Das Coca stammt von der Coca-Pflanze aus der auch Kokain gewonnen wird aber die Bolivianer*innen benützen die Cocablätter um Energie zu bekommen. Die kauen die Blätter und „stopfen“ sie sich dann in die Wangen um den Effekt des Cocas zu erreichen. Coca lindert Hunger, Durst und Schlaf – „perfekt“ um hart durchzuarbeiten. Doch nicht nur Mineros bei der Arbeit „picchan“ es ist auch weitverbreitet Coca unter freunden auf eiern oder Ritualen zu kauen.
Jedenfalls wird ein Minero mehr oder weniger für das bezahlt was er abbaut. Jedoch verdient er dafür sehr gut, im Verhältnis zu anderen Potosin@s.
Doch da sie in der Mine lange Zeit sehr staubiger und trockener Luft ausgesetzt sind, erkrankt ein großer Teil der Arbeitenden an einer Staublunge und stirbt recht früh – die Lebenserwartung von Mineros ist niedrig.
Noch dazu kommt, dass viele Mineros an einer Alkoholsucht leiden und ihr am Tag/untertage gut verdientes Geld sehr schnell wieder nach „Feierabend“ verschleißen. So kommen sie leider nie – oder recht schwer – aus dem Teufelskreis der Mienenarbeit. Hardcore ist auch, dass sie einfach puren Alkohol trinken. Das heißt bis zu 95porzentigem… sowas benutzen wir in Österreich nur zur Desinfektion.
Nun ja soviel mal zu ein paar geschichtlichen und kulturellen Fakten rund um Potosí und die Minen… es gibt noch einige mehr aber einerseits fallen sie mir gerade nicht wieder ein und andererseits ist es schon wieder recht lang geworden ; )
Doch was ich noch wichtig finde zu erwähnen ist diese Metapher:
Es könnte mit all dem Silber, das im Cerro Rico abgebaut wurde eine Brücke von Potosí bis nach Spanien gebaut werden
und auch
eine Brück von Spanien zurück nach Potosí aus all den Kochen der Menschen, die in den Minen des Cerro Ricos ums Leben gekommen sind.
ja….
nun aber zu unserer Tour:

Nach dem wir uns getroffen haben wurden wir von sogar zwei Guides mit unserer sexy-touri-Minenausrüstung ausgestattet. (wie ihr am Bild gut sehen könnt) – wie schon erwähnt, sind die Mineros normalerweise nicht einmal so ausgestattet. „Gut“ ausgerüstet gingst dann auf den Berg zur Mina Rosario – eine der größeren und auch eher gefährlichen Minen. Doch da wir Samstags unterwegs waren, haben wir keinen arbeitenden Mineros getroffen und daher war es auch nicht gefährlich.

Es ist Brauch oder wohl eher eine Art Anerkennung, wenn Touristen die Minen besuchen, dass sie den Mineros etwas mitbringen – ja was wohl: Coca, Zigaretten und Alkohol… ; ) Aber das nicht nur für die Mineros sondern auch für Tio und Pachamama, die wir vor dem Eintreten um ein gutes Ohmen – vor allem für uns als Frauen, die ja eigentlich nicht erwünscht sind – gebeten haben.
Nach dem Ritual ging es dann in das innere des Bergs. Zunächst durch Wasser und niedrige Gänge aber bald wurde es immer trockener und wärmer. Wir konnten gut die staubige Luft spüren obwohl nicht mal jemand gearbeitet hatte.
Nach einem kurzen – recht anstrengt für Rücken und Nacken, da die Decken sehr niedrig sind – Marsch entlang der Schienen für die Steinwagen, erreichten wir den ersten Tio. Dort machten wir die erste Pause und unsere zwei guias erzählten von der Geschichte und den Bräuchen rund um Tio – wie ihr ja schon oben eine „Zusammenfassung“ lesen konntet ; ). Anschließend bat jede*r von uns Tio um Stärke und Sicherheit in unserer Arbeit und für die Tour in der Mine, in dem wir ihm Coca sowie alcohl auf Hände, Beine und Penis streuten bzw. spritzten…

Nach einigem weiteren krabbeln und griechen kamen wir dann noch an einem zweiten etwas kleineren Tio vorbei. Da unserer guias auch selbst einmal in der Mine gearbeitet haben, konnten sie uns auch ein paar ihrer persönlichen Geschichten und Erfahrungen erzählen, was nochmals sehr interessant war…
Nach dem wir eine Runde gedreht hatten kamen wir nach ungefähr zwei Stunden wieder ans Tageslicht.
Nach dieser Zeit „unter“ der Erde, konnten wir gut nachvollziehen, dass die Mineros an eine Art Kraft/Gestallt wie Tio glauben, da sie sonst womöglich die Gefahr unter der sie arbeiten nicht ertragen könnten… und vermutlich führt auch diese mentale Last, der sie im Inneren des Bergs ausgeliefert sind, zu ihrem übermäßigen Alkoholkonsum zum Ausgleich…
Das haben wir uns jedenfalls gedacht…
Jedenfalls hat uns diese Tour, einen guten kleinen Einblick in die Welt der Mineros gegeben und wir wissen jetzt mehr über die Realität einiger Menschen mit denen wir auch arbeiten oder noch arbeiten werden. Das hilft um sich in die Menschen ein bisschen mehr hineinversetzen zu können…
Ja das wars dann mal wieder von mir… ; )
Ich hab aber eine neue Seite auf der Website erstellt mit dem Namen Kurzkommentare, dort schreibe ich kurze Berichte zu kleineren Ereignissen oder einfach mal eine kleine Anmerkung zu Dingen die mir hier auffallen und die euch vielleicht interessieren könnten…
Schaut gerne einfach mal HIER vorbei ; )
Bis bald, macht es gut!
– und passt bitte auf das Covid und euch in Österreich aus – die Zahlen sind ja nicht gerade prickeld…
!Cuidense!
=
Passt auf euch auf!
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